Was ist ARFID? Informationen zur selektiven Essstörung

7 Min. LesezeitAktualisiert am 12 Juni 2026

Wenn Essen für ein Kind (oder auch für Erwachsene) regelmäßig Stress, Angst oder starke Abneigung auslöst, kann das Familien sehr verunsichern. Wichtig: Betroffene sind nicht „schwierig“ – und Eltern tragen keine Schuld.

Die Diagnose ARFID wird im Deutschen als „Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme“ beschrieben. Der vollständige englische Name lautet: Avoidant Restrictive Food Intake Disorder (deutsch: vermeidend‑restriktive Ernährungsstörung). Entscheidend ist: ARFID hat nichts mit Abnehmen oder einem verzerrten Körperbild zu tun – darin unterscheidet sie sich klar von Anorexie oder Bulimie. ARFID ist offiziell anerkannt, behandelbar und nicht durch „schlechte Erziehung“ verursacht.

Hinweis: Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung.

In diesem Artikel erklären wir Symptome, Ursachen, Unterschiede bei Kindern und Erwachsenen sowie Behandlungs‑ und Therapieoptionen.

Was ist ARFID genau – und warum ist es mehr als wählerisches Essen?

Die ARFID ist eine anerkannte Ess‑ bzw. Fütterstörung, bei der eine anhaltende Störung der Nahrungsaufnahme vorliegt. Betroffene nehmen über längere Zeit nicht ausreichend Energie und/oder Nährstoffe auf. Auslöser kann ein deutlich fehlendes Interesse am Essen sein, eine starke Vermeidung bestimmter Lebensmittel aufgrund ihrer sensorischen Eigenschaften (z. B. Geschmack, Konsistenz, Geruch, Aussehen oder Temperatur) oder eine ausgeprägte Sorge vor unangenehmen Folgen des Essens – etwa vor Verschlucken oder Erbrechen.

Für die Diagnose ist entscheidend, dass mindestens eine klinisch relevante Folge hinzukommt: eine erhebliche Gewichtsabnahme (oder bei Kindern das Ausbleiben der erwarteten Gewichtszunahme), ein signifikanter Nährstoffmangel, die Abhängigkeit von ergänzender Ernährung bzw. Sondenernährung oder eine deutliche psychosoziale Beeinträchtigung, zum Beispiel in Kita, Schule, Beruf oder im Familienalltag.

Wichtig ist auch, was ARFID nicht ist: Die Erkrankung wird nicht durch den Wunsch abzunehmen ausgelöst, steht nicht im Zusammenhang mit Körperbild‑ oder Gewichtssorgen, lässt sich nicht durch kulturelle oder religiöse Essgewohnheiten erklären und ist nicht einfach „eine Allergie“. Ebenso darf sie nicht vorschnell mit anderen Essstörungen oder medizinischen Ursachen verwechselt werden – das muss fachlich abgeklärt werden.

ARFID ist seit 2013 im DSM‑5 und seit 2022 in der ICD‑11 als Diagnose beschrieben. In Deutschland gilt im Übergang weiterhin die ICD‑10 als offiziell anwendbares Kodiersystem; deshalb kann die Einordnung in der Praxis je nach Setting noch unterschiedlich erfolgen.

Wie häufig kommt ARFID vor – und wer ist betroffen?

Wie häufig ARFID vorkommt, lässt sich nicht auf eine eindeutige Zahl reduzieren – die Spannbreite hängt stark davon ab, welche Altersgruppen untersucht werden und ob es um Diagnosekriterien oder um berichtete Symptome geht. Internationale Schätzungen gehen grob davon aus, dass etwa 0,5 bis 5 % von Kindern und Erwachsenen betroffen sein könnten. In einer auf Elternberichten basierenden deutschen Studie der DGESS lag das Durchschnittsalter der untersuchten Kinder im mittleren Kindesalter bei 6,7 Jahren. Repräsentative epidemiologische Untersuchungen gehen davon aus, dass in dieser Altersgruppe rund 2 % aller Kinder von der klinisch relevanten Essstörung ARFID betroffen sind. Gleichzeitig ist selektives Essverhalten bei Kindern insgesamt häufig: Bei 3‑ bis 11‑Jährigen zeigen etwa 13 bis 22 % wählerisches Essen – aber nur ein Teil davon erreicht die klinische Schwelle, bei der ARFID‑Kriterien erfüllt sind. Für Kinder und Jugendliche werden in einzelnen Schätzungen rund 3 bis 5 % genannt.

Erste Anzeichen und der eigentliche Symptombeginn zeigen sich meist sehr früh in der Säuglings- und Kleinkindphase – das durchschnittliche Alter beim Erstauftreten liegt bei einem Jahr. Ein Alter von 11 bis 13 Jahren beschreibt hingegen den typischen Altersgipfel, in dem betroffene Kinder und Jugendliche klinisch diagnostiziert und in spezialisierte Behandlung vermittelt werden. Betroffen sind alle Geschlechter; bei einer Form, die vor allem durch selektives Essverhalten geprägt ist, werden Jungen teils häufiger beschrieben. Häufig treten Begleiterkrankungen auf – unter anderem Autismus‑Spektrum‑Störungen (in einer Angabe etwa jedes fünfte Kind im Spektrum), ADHS und Angststörungen. Wichtig für Deutschland: Es gibt derzeit keine präzisen Gesamtzahlen, wie viele Menschen hierzulande betroffen sind.

Wenn du dich für Entwicklungsphasen im Kleinkindalter interessierst, kann dir auch der Überblick zur Entwicklung im 13. Monat helfen.

Welche Symptome und Anzeichen hat ARFID?

ARFID symptome können sehr unterschiedlich aussehen – und sie betreffen nicht nur „was“ gegessen wird, sondern auch wie stark Essen den Alltag belastet. Entscheidend ist nicht, ob ein Kind oder Erwachsener „wählerisch“ wirkt, sondern ob das Essverhalten zu körperlichen Folgen (z. B. Wachstum, Nährstoffversorgung) oder zu psychosozialen Einschränkungen (z. B. Schule, Familie, soziale Situationen) führt. Gerade bei Kindern kann das Umfeld schnell verunsichert sein – wichtig ist ein ruhiger, nicht wertender Blick auf die Gesamtsituation.

Typische Essverhaltensmuster bei ARFID

  • Sehr eingeschränkte Lebensmittelauswahl: Betroffene essen oft nur eine kleine Anzahl als „sicher“ empfundener Speisen

  • Sensorisch bedingte Vermeidung: Konsistenz, Geruch, Farbe, Aussehen oder Temperatur können starken Ekel, Würgereiz oder Abwehr auslösen

  • Angstbezogene Vermeidung: Sorge vor Verschlucken, Erbrechen, allergischen Reaktionen oder anderen negativen Folgen

  • Geringes Interesse am Essen: wenig Freude am Essen, frühes Sättigungsgefühl, schwach ausgeprägtes Hungergefühl

  • Meiden von Mahlzeiten in sozialen Situationen: z. B. Kita-/Schulmensa, Restaurant, Familienfeiern

  • Starke Reaktionen auf Unbekanntes: Panik, Weinen oder Erbrechen können bereits durch Anblick oder Geruch ungewohnter Speisen ausgelöst werden

Mögliche körperliche Folgen

  • Gewichtsverlust oder bei Kindern ausbleibende altersgerechte Gewichtszunahme bzw. Wachstumsprobleme

  • Mangelernährung: Nährstoff- und Vitaminmangel (z. B. Eisen, Zink, Vitamin D, Vitamin B12)

  • Abhängigkeit von Ergänzungsnahrung; in schweren Fällen kann Sondenernährung notwendig werden

  • Bei Kindern mit ARFID kann die Energiezufuhr im Durchschnitt deutlich vermindert sein (in einer Angabe etwa 65 % des benötigten Energiebedarfs)

Psychosoziale Folgen

  • Sozialer Rückzug: Situationen mit Essen werden vermieden

  • Schamgefühle bei Betroffenen und oft auch in der Familie

  • Einschränkungen in Schule oder Beruf: Konzentration, Teilnahme an Aktivitäten oder Leistungsfähigkeit können leiden

  • Belastung im Familienalltag: Anspannung bei Mahlzeiten, Konflikten, Sorgen und Hilflosigkeit

Wichtig: Ein eingeschränktes Essverhalten allein bedeutet noch keine Diagnose. Der Kernpunkt ist, ob es zu körperlicher oder psychosozialer Beeinträchtigung führt. Nur qualifizierte Fachpersonen können beurteilen, ob es sich um eine selektive Essstörung (Kind) handelt und ob Hilfe bei selektiver Essstörung bzw. Behandlung notwendig ist.

Wählerisches Essen oder ARFID? Wann wird selektives Essen zu einer Essstörung?

Viele Kinder sind zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr beim Essen wählerisch. Selektives Essverhalten (Kleinkind) ist häufig, meist vorübergehend und gehört oft zur normalen Entwicklung (z. B. wenn neue Konsistenzen, Gerüche oder Geschmäcker zunächst abgelehnt werden). Wichtig ist deshalb vor allem: Wählerisches Essen allein ist noch keine Essstörung – und Eltern müssen sich dafür nicht schuldig fühlen.

Wenn du alltagstaugliche Ideen für ausgewogene Mahlzeiten suchst, kann dir auch der Artikel Gesundes Essen für Kleinkinder zusätzliche Orientierung geben.

Der entscheidende Unterschied

Von ARFID spricht man erst dann, wenn die Nahrungsvermeidung anhaltend ist und zu mindestens einer klinisch relevanten Folge führt, zum Beispiel:

  • deutlicher Gewichtsverlust oder ausbleibendes altersgerechtes Wachstum

  • relevanter Mangel an Nährstoffen

  • Abhängigkeit von Ergänzungsnahrung oder Sondenernährung

  • starke psychosoziale Einschränkungen (z. B. Kita/Schule, Freundschaften, gemeinsames Essen)

Wann sollten Eltern aufmerksam werden?

Eine Abklärung ist sinnvoll, wenn mehrere Warnzeichen zusammenkommen, etwa:

  • dein Kind akzeptiert dauerhaft sehr wenige Lebensmittel (z. B. weniger als etwa 10–20) und die Auswahl wird kleiner

  • ganze Lebensmittelgruppen werden konsequent gemieden oder die Einschränkung nimmt zu

  • deutliche Angstreaktionen (Panik, Würgereiz, Erbrechen) entstehen schon beim Anblick oder Geruch unbekannter Speisen

  • Gewicht oder Wachstum wirkt auffällig oder macht dir Sorgen

  • dein Kind meidet soziale Situationen, weil Essen beteiligt ist

Wichtig: Druck, Zwang oder „du musst nur probieren“ helfen nicht – sie können Angst und Vermeidung verstärken. Wenn du unsicher sind, holen dir frühzeitig Hilfe bei selektiverEssstörung und besprich deine Beobachtungen mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt.

Praktische Impulse für entspanntere Esssituationen findest du auch im Artikel Kinder zum Essen überzeugen.

Wie entsteht ARFID – was sind die Ursachen?

Die Ursachen von ARFID sind noch nicht vollständig geklärt. Fachleute gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenwirken – also biologische, psychologische und soziale Einflüsse.

Bei vielen Betroffenen spielen sensorische Besonderheiten eine Rolle: Gerüche, Geschmäcker, Texturen oder Temperaturen werden deutlich intensiver wahrgenommen. Dadurch können bestimmte Lebensmittel starken Ekel oder Abwehr auslösen. Zusätzlich werden biologische Faktoren diskutiert, etwa eine genetische Veranlagung sowie Zusammenhänge mit neuroentwicklungsbezogenen Besonderheiten wie Autismus‑Spektrum‑Störungen oder ADHS. Wichtig: ARFID kann auch ohne solche Begleitdiagnosen auftreten.

Auch belastende Erfahrungen rund ums Essen können Auslöser oder Verstärker sein – zum Beispiel ein starkes Verschlucken, wiederholtes Erbrechen, eine allergische Reaktion oder Situationen, in denen Essen als Zwang erlebt wurde. Das kann dazu führen, dass Essen mit Angst verknüpft wird und Vermeidung sich über die Zeit „festigt“. Darüber hinaus werden psychologische Faktoren wie eine erhöhte Ängstlichkeit, eine starke Ekelempfindlichkeit oder zwanghafte Tendenzen beschrieben.

Viele Eltern berichten außerdem von frühen Fütter‑ oder Essschwierigkeiten. Solche frühen Muster können ein Hinweis sein, sind aber allein keine Diagnose. Entscheidend bleibt immer, ob ARFID-Symptome zu körperlichen oder psychosozialen Beeinträchtigungen führen.

Wichtig: Weder die betroffene Person noch die Eltern tragen Schuld an ARFID. Es handelt sich um eine psychische Erkrankung, die durch biologische, psychologische und soziale Faktoren beeinflusst wird.

Wie zeigt sich ARFID bei Kindern – und wie bei Erwachsenen?

ARFID kann grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten: Bei manchen Betroffenen beginnen die Schwierigkeiten schon früh, bei anderen zeigen sie sich erst später oder bleiben bis ins Erwachsenenalter bestehen. Entscheidend ist dabei immer, dass Essen nicht einfach „wählerisch“ wirkt, sondern spürbar belastet und den Alltag einschränkt.

ARFID bei Kindern und Jugendlichen

Der Beginn liegt häufig im Kindesalter; besonders oft wird ein Auftreten zwischen etwa 11 und 13 Jahren beschrieben – erste Anzeichen können aber schon im Kleinkindalter sichtbar sein. Bei Kindern zeigt sich ARFID oft als stark selektives Essen, ausgeprägte Abneigungen gegen bestimmte Konsistenzen oder Farben und eine intensive Angst vor neuen Lebensmitteln. Mahlzeiten können dadurch für die ganze Familie zu angespannten Situationen werden, in denen Eltern sich hilflos fühlen. Wenn die Problematik länger anhält, sind Wachstumsauffälligkeiten oder Entwicklungsverzögerungen möglich. Wichtig: Eine selektive Essstörung beim Kind ist kein „Trotz“ und kein Ungehorsam – Kinder können ihr Erleben von Essen nicht einfach willentlich abschalten. Hilfreich ist eine klare, entlastende Haltung: kein Druck, keine Strafen, kein Zwang. Kommentare, die beschämen oder vergleichen, verstärken oft Stress und Rückzug.

ARFID bei Erwachsenen

ARFID kann ins Erwachsenenalter fortbestehen oder erstmals im Jugend- oder Erwachsenenalter auftreten, zum Beispiel nach einer belastenden Esserfahrung. Häufig sind ein dauerhaft sehr eingeschränktes Spektrum akzeptierter Lebensmittel, das Meiden gemeinsamer Mahlzeiten und spürbare Einschränkungen im sozialen oder beruflichen Alltag. Viele Erwachsene werden missverstanden, weil ihr Verhalten als „normale Pingeligkeit“ abgetan wird – dabei kann die Belastung erheblich sein. Die gute Nachricht: Unterstützung ist möglich, und es ist nie zu spät, sich Hilfe zu holen. Wenn du dich hier wiedererkennst, kann ARFID-Hilfe für Erwachsene ein wichtiger erster Schritt sein – am besten über ärztliche oder psychotherapeutische Ansprechstellen.

Wie wird ARFID diagnostiziert – wer kann die Diagnose stellen?

Einen einzelnen Schnelltest für ARFID gibt es nicht. Die Diagnose wird von qualifizierten Fachpersonen gestellt und beruht auf einem klinischen Gesamtbild – also darauf, wie das Essverhalten aussieht und welche Folgen es für Gesundheit und Alltag hat.

Ein guter erster Schritt ist je nach Alter:

  • bei Kindern: die Kinderärztin/der Kinderarzt

  • bei Erwachsenen: die Hausarztpraxis (oder ggf. eine fachärztliche Praxis) Von dort erfolgt häufig eine Überweisung an spezialisierte Stellen, z. B. Kinder‑ und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie oder Psychotherapie für Erwachsene

Zur diagnostischen Abklärung gehören typischerweise:

  • eine ausführliche Anamnese (Essverhalten, Entwicklung, Belastungen, bisherige Erkrankungen)

  • körperliche Untersuchung sowie Blick auf Wachstum/ Gewichtsverlauf und ggf. Blutwerte zur Nährstoffversorgung.

  • ein psychologisches Gespräch bzw. eine psychologische Diagnostik

  • je nach Bedarf weitere Einschätzungen, z. B. ernährungs‑, ergo‑ oder sprachtherapeutisch

Wichtig ist außerdem, andere Ursachen auszuschließen – zum Beispiel Magen‑Darm‑Erkrankungen, Allergien oder andere psychische Erkrankungen. In Deutschland ist ARFID noch nicht überall gleich bekannt, daher kann der Weg zur Diagnose manchmal länger sein. Wenn du dich nicht gut verstanden fühlst, ist eine zweite Einschätzung völlig in Ordnung – sie kann helfen, schneller zur passenden ARFID behandlung zu kommen.

ARFID behandeln: Welche Therapie hilft?

Die wichtigste Botschaft zuerst: Eine ARFID-Behandlung ist möglich – und viele Betroffene machen mit professioneller Unterstützung spürbare Fortschritte. Auch wenn die Studienlage im Vergleich zu anderen Essstörungen noch kleiner ist, können qualifizierte Therapeutinnen und Therapeuten wirksame Behandlungswege anbieten. In vielen Fällen erfolgt die Behandlung ambulant; bei starker Mangelernährung oder ausgeprägtem Untergewicht kann eine stationäre Versorgung nötig werden.

Multidisziplinärer Behandlungsansatz:

ARFID wird häufig am besten in einem Team behandelt. Dazu können je nach Situation psychotherapeutische bzw. kinder- und jugendpsychiatrische Unterstützung, ärztliche Begleitung (z. B. Pädiatrie), Ernährungsberatung und – wenn sinnvoll – Ergo- oder Sprachtherapie gehören. Ziel ist nicht „schnelles Umstellen“, sondern eine sichere Stabilisierung: körperliche Risiken reduzieren, Stress senken und Schritt für Schritt wieder mehr Sicherheit rund ums Essen gewinnen

Kognitive Verhaltenstherapie (CBT)

In der Fachliteratur werden kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und spezifische KVT‑Ansätze für ARFID am häufigsten beschrieben. In einem Überblick über 25 Studien nutzten 12 Arbeiten KVT‑basierte Vorgehensweisen. Solche Programme sind strukturiert und richten sich häufig an Personen ab einem bestimmten Alter. Ein zentrales Prinzip lautet: zuerst die ausreichende Gesamtaufnahme stabilisieren, dann schrittweise die Vielfalt erweitern.

Typische Bausteine sind kognitive Umstrukturierung (also das Überprüfen und Verändern belastender Gedanken rund ums Essen), Entspannungsverfahren und begleitete Expositionsübungen. Exposition bedeutet: unter therapeutischer Anleitung und in kleinen, machbaren Schritten Kontakt mit vermiedenen Speisen oder Situationen aufnehmen – ohne Zwang, im Tempo der betroffenen Person.

Familienbasierte Therapie

Für Kinder und Jugendliche können familienbasierte Ansätze besonders hilfreich sein. In demselben Überblick verwendeten 8 von 25 Studien familienbasierte Vorgehensweisen. Eltern werden aktiv einbezogen, ohne Schuldzuweisungen: Die Essstörung wird als „äußerer Gegner“ verstanden, den Familie und Kind gemeinsam angehen. Wichtig sind ein ruhiger Rahmen, verlässliche Routinen und der Grundsatz: kein Druck am Tisch, keine Strafen und keine beschämenden Kommentare.

Ernährungstherapeutische Unterstützung

Ernährungsberatung hilft, eine ausreichende Nährstoffversorgung sicherzustellen und individuelle, alltagspraktische Schritte zu planen – abgestimmt auf Alter, Entwicklungsstand und medizinische Situation. Bei Mangelernährung können ergänzende Produkte erforderlich sein; in sehr schweren Fällen kann auchSondenernährung medizinisch notwendig werden. Solche Entscheidungen gehören immer in fachliche Hände.

Transparenz zur Evidenzlage

Obwohl die Evidenzbasis im Vergleich zu klassischen Essstörungen noch wächst, existieren bereits mehrere randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) – vor allem im Bereich verhaltenstherapeutischer und familienbasierter Ansätze bei Kindern. Die Diagnostik und Behandlung von ARFID ist zudem fest in der offiziellen deutschen S3-Leitlinie 'Diagnostik und Therapie der Essstörungen' (AWMF-Registernummer 051-026) verankert. Die Evidenzbasis ist also begrenzt, wächst aber. Das bedeutet nicht, dass Behandlung unwirksam ist: Klinische Erfahrung zeigt deutliche Verbesserungen, und frühe Unterstützung kann die Prognose verbessern. Weil ARFID‑spezifische Expertise nicht überall verfügbar ist, kann es sinnvoll sein, auch nach erfahrenen verhaltenstherapeutischen Praxen mit Schwerpunkt Angst‑ oder Essstörungen zu suchen und gezielt nach ARFID-Therapie zu fragen.

Wenn du oder dein Kind Unterstützung braucht, ist Hilfe bei selektiver Essstörung ein guter Einstieg für die Suche nach passenden Anlaufstellen.

Hinweis: Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung.

Was können Eltern, Angehörige und Betroffene selbst tun?

Die folgenden Hinweise dienen dazu, den Alltag zu entlasten und Stress rund ums Essen zu reduzieren. Sie ersetzen keine Diagnostik oder Therapie – die Behandlung gehört in die Hände qualifizierter Fachpersonen.

Tipps für Eltern von betroffenen Kindern

Wenn Hilfe bei selektiver Essstörung nötig ist, hilft vor allem eines: Druck herausnehmen. Zwang, Strafen oder Machtkämpfe am Tisch können Angst und Vermeidung verstärken. Versuche stattdessen, Mahlzeiten ruhig und vorhersehbar zu gestalten: feste Zeiten, eine entspannte Atmosphäre und möglichst wenig Ablenkung (z. B. ohne Bildschirm). Vermeide Kommentare, die bewerten oder beschämen („Du musst…“, „Das schmeckt doch…“) – und vergleiche dein Kind nicht mit Geschwistern oder anderen Kindern.

Praktisch kann sein: Plane immer mindestens eine „sichere“ Option ein, die dein Kind grundsätzlich essen kann. Neue Speisen können daneben stehen, ohne Erwartung und ohne Diskussion – so bleibt der Kontakt möglich, ohne dass es sich bedrohlich anfühlt. Achte außerdem auf Wachstum, Energie und Wohlbefinden. Wenn du Sorgen wegen Gewicht, Entwicklung, Mangelernährung oder starken Einschränkungen im Alltag hast, ist eine kinderärztliche Abklärung der richtige nächste Schritt. Und ganz wichtig: Lass Selbstvorwürfe los – ARFID ist nicht durch Erziehungsfehler verursacht.

Für Betroffene: Erste Schritte

Es kann sehr entlastend sein, das eigene Essverhalten als Teil einer ernstzunehmenden Problematik zu erkennen – nicht als persönliches Versagen. Ein guter Start ist ein Arzttermin (Hausarztpraxis; bei Kindern Kinderarztpraxis), um eine Einordnung zu bekommen und passende Überweisungen zu erhalten. Hilfreich ist, vorher kurz zu notieren, welche Situationen besonders schwierig sind, welche körperlichen Folgen du beobachtest und wie stark der Alltag eingeschränkt ist.

Unterstützung kann auch außerhalb der Therapie beginnen: Sprich mit einer vertrauten Person, nimm dir Zeit und erlaube dir, dass Veränderung Schritt für Schritt passiert. Für konkrete Beratungsangebote in Deutschland nutze zum Abschluss die BZgA‑Beratungsstellensuche für Essstörungen. Dabei kann auch eine Anbindung an weitere Hilfsangebote für ARFID-Kind-Therapie gelingen.

Häufig gestellte Fragen zu ARFID

ARFID ist eine anerkannte Ess‑ bzw. Fütterstörung. Im Unterschied zu „wählerischem Essen“ geht sie über eine vorübergehende Phase hinaus und führt zu relevanten Folgen – etwa Nährstoffmangel, ausbleibendem Wachstum oder deutlichen Einschränkungen im Alltag. Wichtig: ARFID hat nichts mit dem Wunsch abzunehmen zu tun. Wenn Essen dauerhaft belastet, kann eine fachliche Abklärung hilfreich sein.

Medizinischer und rechtlicher Hinweis

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn du dir Sorgen um die Gesundheit deines Kindes oder um deine eigene Gesundheit machst, wende dich bitte an qualifizierte Fachpersonen. Unterstützung und Beratungsangebote findest du über die BZgA‑Beratungsstellensuche.