Kind lernt das ABC

Lesen gehört zur Welt der Erwachsenen dazu und kaum jemand nimmt dabei noch die einzelnen Buchstaben wahr oder macht sich gar darüber Gedanken. Erst wenn die eigenen Kinder älter werden und langsam Lesen und Schreiben lernen wollen, entwickeln wir Großen noch einmal einen neuen Blick für das ABC.

Buchstaben, die uns so selbstverständlich erscheinen, sind für Kinder anfangs ein Buch mit sieben Siegeln. Du kannst Dein Kind allerdings dabei unterstützen, die Welt der Buchstaben zu erobern und irgendwann schreiben zu lernen.

Die kindliche Entwicklung der Sprache

Für Eltern ist es ein magischer Moment, wenn ihr Baby das erste Mal „Mama“ oder „Papa“ sagt. Mit den ersten Worten hat Dein kleiner Liebling begonnen zu begreifen, dass sich hinter ihnen eine Aussage versteckt. Dein Kind versteht nun, dass Worte bzw. manchmal auch nur die Aneinanderreihung von Silben bei Dir eine gewisse Reaktion oder ein Handeln hervorrufen. Streckt Dein Kind zum Beispiel den Arm aus und sagt „na-na“ wirst Du ihm sehr wahrscheinlich die Banane reichen.

Im Laufe der nächsten Jahre wird Dein Kind seinen Wortschatz rasch erweitern: Aus Ein-Wort werden Drei-Wort-Sätze und schlussendlich wird es so viele Wörter beherrschen, dass Du eine normale Unterhaltung mit ihm führen kannst. Dein Kind lernt durch Zuhören und Wiederholung. Je mehr Du mit ihm sprichst, desto leichter und schneller wird es neue Wörter lernen.

Im Alter von ungefähr fünf Jahren verfeinern Kinder noch einmal ihren Sprachgebrauch. War bisher nicht jeder Satz grammatikalisch ganz richtig oder hatte Dein Kind vielleicht noch Probleme mit der Aussprache der s-Laute, so reguliert sich dies oft bis zum Schuleintritt.

Die ersten paar Jahre sind ausschlaggebend dafür, ob Dein Kind Freude an Sprache entwickelt und damit auch die Lust und Fähigkeit zum eigenen Erzählen, Lesen oder auch Schreiben erwirbt. Nur wenn die sprachlichen Fähigkeiten ausreichend entwickelt sind, kann ein Kind das Lesen überhaupt erlernen.

Wie lernen Kinder normalerweise Buchstaben?

Das Erlernen von Buchstaben ist für den kindlichen Verstand ein sehr abstrakter Vorgang. Unser Gehirn ist sehr gut darin, Zusammenhänge zu erkennen – also zum Beispiel vorherzusagen, was die Konsequenz einer bestimmten Handlung ist. Ein Beispiel: Dein Kind streckt die Arme nach Dir aus und Du nimmst es hoch. Es hat also gelernt, diese Geste anzuwenden, wenn es auf Deinen Arm möchte.

Einen Zusammenhang zwischen einem Buchstaben und dessen Laut herzustellen, ist jedoch viel abstrakter. Lesen lernen, also eine bestimmte Abfolge von Buchstaben mit einem Gegenstand etc. in Verbindung zu bringen, fordert das Gehirn Deines Kindes ganz schön heraus.

Viele Lern-Methoden zielen darauf ab, die Abstraktion etwas zu verringern, in dem zum Beispiel Zeichnungen, Fotos oder Grafiken zum Einsatz kommen und Buchstaben somit mit dem realen Leben in Verbindung gebracht werden. Deinem Kind fällt es viel leichter, den Buchstaben „A“ zu lernen, wenn es diesen mit einem Beispiel oder einem Bild (z. B. eines Affen) verknüpfen kann.

Kinder lernen wie Erwachsene auch in drei Phasen. In diesen drei Schritten wird die Information aufgenommen, verarbeitet und schließlich im Gehirn gespeichert:

  1. Enkodierungsphase: Informationen aus allen Sinnesorganen (z. B. Auge, Ohr etc.) werden wahrgenommen und so umgewandelt, dass das Gehirn sie aufnehmen kann.

  2. Behaltensphase: Die gelernten Buchstaben verankern sich im Gedächtnis des Kindes.

  3. Abrufphase: Das Gelernte ist jeder Zeit wieder abrufbar.

Es gibt viele unterschiedliche Methoden, die es einem erleichtern, sich an Lerninhalte zu erinnern. Für Kinder sollte das jedoch erst eine Rolle spielen, wenn sie zur Schule gehen. Davor steht Spielen ganz oben auf der Tagesordnung. Dabei lernen die Kleinen alles, was für ihr Alter wichtig ist.

Ab welchem Alter lernen Kinder normalerweise die Buchstaben?

Bevor Kinder Buchstaben und Schreiben lernen, müssen einige wichtige Voraussetzungen erfüllt werden:

  • Funktionsfähigkeit der Sinnesorgane: Um überhaupt Lesen und Schreiben zu lernen, muss sichergestellt sein, dass alle Sinnesorgane funktionieren. Ein Kind, das beispielsweise schlecht hört, wird es schwer haben, den Unterschied zwischen verschiedenen Lauten und Buchstaben zu erkennen.

  • Motorische Fähigkeiten: Buchstaben zu schreiben wird Deinem Kind nur dann gelingen, wenn es die entsprechenden feinmotorischen Fähigkeiten mitbringt, wie das richtige Greifen eines Stiftes, eine gute Koordination zwischen Hand und Auge oder das Zeichnen von Formen verschiedener Größen.

  • Phonologisches Bewusstsein: Dein Kind ist in der Lage, einen Unterschied zwischen verschiedenen Lauten zu erkennen, Silben zu bilden und zu reimen. Ein Beispiel: Dein Kind erkennt, dass „Haus“ und „Maus“ zwei unterschiedliche Wörter sind, die sich darüber hinaus auch noch reimen.

  • Zeichen erkennen: Buchstaben sollten als Zeichen interpretiert werden, die Sprache verschriftlichen. Dein Kind sollte begreifen, dass die Buchstaben in niedergeschriebener Form eine Nachricht oder eine Geschichte transportieren.

  • Psychologische Grundbedingung: Nicht zuletzt sollte Dein Kind motiviert genug sein, die Buchstaben kennenzulernen. Zappelt es auf seinem Platz hin und her oder möchte lieber zum Spielzeugauto greifen, statt mit Dir ein ABC-Lied zu singen? In diesem Fall solltest Du nicht versuchen, es durchzusetzen. Dein Liebling ist dann einfach noch nicht so weit.

Es lässt sich also nicht pauschal sagen, ab welchem Alter Du Deinem Kind das ABC näher bringen kannst. Vielmehr hängt es von der ganz individuellen Entwicklung und dem Interesse Deines Kindes am Lesen und Schreiben ab. Die meisten Kinder fangen im Vorschulalter (ab ca. fünf Jahren) langsam an, Buchstaben zu lernen.

Fünf spielerische Wege, das ABC zu lernen

Sollte Dein Kind ein gesteigertes Interesse an Buchstaben zeigen und alle weiteren Voraussetzungen erfüllen, kannst Du natürlich seiner Neugier gern nachgeben und ihm spielerisch das ABC näher bringen.

Bilderbücher

Setz Dich zusammen mit Deinem Kind hin und blättere durch sein Lieblingsbilderbuch. Dafür eignen sich Wimmelbücher besonders gut, da hier viel passiert und die Figuren ganz unterschiedliche Dinge erleben.

Lass Dir von Deinem Kind erzählen, was es sieht und frag immer wieder nach. So wird es lernen, Geschichten nachzuerzählen und dafür seine Sprache zu gebrauchen.

Wenn Du das Gefühl hast, dass Dein Liebling Laute schon gut und zuverlässig unterscheiden kann, kannst Du Dir zum Beispiel alle Gegenstände zeigen lassen, die mit dem Buchstaben „A“, „B“ ect. beginnen. Dein Kind könnte auf diese Weise lernen, Laute mit Bildern in Verbindung zu bringen.

Reime und Rhythmus

Mithilfe von Reimen kann Dein Kind ein Gefühl für seine Muttersprache entwickeln und lernt dabei vielleicht noch das ein oder andere neue Wort. Bei einem Spaziergang kannst Du immer wieder Gegenstände benennen und zusammen mit Deinem Kind Wörter suchen, die sich darauf reimen.

Auch die Kleinen kann man bereits für Sprache und Reime begeistern. Fingerspiele verbinden Rhythmus und Sprache. Die Größeren könnten hingegen Spaß dran haben, die Silben von Wörtern mitzuklatschen (z. B. „Schu-he an-zie-hen bit-te“).

Lieder

Gemeinsames Singen macht nicht nur Spaß, sondern kann auch beim Buchstabenlernen helfen. Was man singt, merkt man sich auch etwas leichter. Es gibt zahlreiche ABC-Lieder mit schönen und einprägsamen Melodien.

Auch ein Song wie „Auf der Mauer, auf der Lauer“ bereitet Kindern viel Freude. Dabei wird bei jeder neuen Strophe ein Buchstabe bei den Wörtern „Wanze“ und „tanzen“ weggelassen:

  1. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine Wanze. (2x) Seht euch mal die Wanze an, wie die Wanze tanzen kann. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine Wanze.

  2. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine Wanz. (2x) Seht euch mal die Wanz an, wie die Wanz tanz kann. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine Wanz.

  3. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine Wan. (2x) Seht euch mal die Wan an, wie die Wan tan kann. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine Wan.

  4. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine Wa. (2x) Seht euch mal die Wa an, wie die Wa ta kann. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine Wa.

  5. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine W. (2x) Seht euch mal die W an, wie die W t kann. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine W.

  6. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine __. (2x) Seht euch mal die __ an, wie die __ __ kann. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ´ne kleine __.

Der eigene Name

Viele Kinder wollen ihren eigenen Namen schreiben lernen. Dabei wird Dein Kind anfangs seinen Vornamen eher als ein zusammenhängendes Wortbild und weniger als einzelnen Buchstaben wahrnehmen und nachschreiben. Nichtsdestotrotz könnte Dein Kind daran Spaß haben.

Lass Dein kleines Schreibtalent ruhig munter alles mit seinem bzw. ihrem Namen beschriften, was ihm bzw. ihr zwischen die Finger kommt.

Etwas später könntest Du dann näher auf die einzelnen Buchstaben des Namens eingehen und zusammen mit Deinem Liebling andere Wörter damit bilden. Er/ Sie wird lernen, zwischen den Buchstaben zu unterscheiden und sie bestimmten Lauten zuzuordnen.

Buchstaben finden

Buchstaben sind überall: auf Verpackungen, in Prospekten oder auf Logos. Lass Dein Kind Buchstaben ausschneiden, wann immer es einen entdeckt und hängt diese dann gemeinsam auf. Du kannst Dir auch für jede Woche einen speziellen Buchstaben vornehmen, den Dein Kind dann wie ein kleiner Detektiv suchen kann.

Dieses Spiel könnt ihr auch nach draußen verlegen. Vielleicht darf Dein Schatz sogar ein Foto von seinen Buchstabenfunden machen und ihr druckt die Bilder dann gemeinsam aus.

Buchstaben lernen: Tipps & Tricks

Buchstaben zu schreiben bzw. das ABC zu lernen sollte zu jedem Zeitpunkt Spaß machen. Erst in der Schule wird es wichtig, dass das Gelernte auch wieder zuverlässig abgerufen werden kann. Vorbereitend könnten folgenden Tipps hilfreich sein:

  • Vorlesen: Kindern, denen regelmäßig vorgelesen wird, entwickeln viel Freude an Geschichten und Buchstaben. Ihnen wird es daher auch leichter fallen, später selbst Lesen zu lernen. Plane also regelmäßige Vorlese-Stunden ein, tausche Bücher mit anderen Eltern bzw. Kindern oder besuche mit Deiner kleinen Leseratte die Bücherei.

  • Schlaf: Studien haben gezeigt, dass Erlerntes besser gespeichert werden kann, wenn man sich nach dem Lernen schlafen legt, da das Wissen nicht mehr durch weitere Aktivitäten „überschrieben“ werden kann. Falls Dein Kind Interesse am ABC entwickelt, zeige ihm ruhig beim Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte ein paar Buchstaben.

  • Deutliche Aussprache: Vermeide es zu nuscheln, wenn Du mit Deinem Kind sprichst. Mit einer deutlichen Aussprache hilfst Du ihm dabei, die Laute und Silben voneinander zu unterscheiden und sie richtig im Gedächtnis abzuspeichern.

  • Schreibutensilien: Du solltest immer genügend Stifte und Papier zu Hause haben. Auch das erste Kritzeln der Allerkleinsten ist eine Vorbereitung auf das Schreiben später. Je öfter Kinder Schreib- bzw. Malutensilien in der Hand halten, desto sicherer wird ihr Umgang damit.

  • Vorbildfunktion: Kinder lernen von ihren Eltern. Wenn Dein Kind Dich öfters mit einem Buch oder einer Zeitung in der Hand sieht, wird ihm das normal vorkommen und auch sein Interesse am Lesen bzw. an Buchstaben wecken.

Jedes Kind lernt in seinem ganz eigenen Tempo. Dies gilt besonders für das Lernen von Buchstaben. Du kannst Dein Kind dabei unterstützen, wenn Du das Gefühl hast, es ist so weit an das ABC herangeführt zu werden. Erzwingen solltest Du allerdings nichts.

Fakten im Überblick

  • Sind alle physischen und psychischen Voraussetzungen für das Lesen- und Schreibenlernen erfüllt, beginnen sich in der Regel Kinder im Alter von ungefähr fünf Jahren für das ABC zu interessieren. Beachte jedoch: Jedes Kind lernt in seinem eigenen Tempo. 

  • Du kannst Dein Kind auf spielerische Weise an das ABC heranführen, indem Du zum Beispiel zusammen mit ihm ein Bilderbuch durchblätterst, lustige Reime erfindest oder die Anfangsbuchstaben von Gegenständen oder Tieren benennst.

  • In der Schule lernen Kinder häufig zuerst die Buchstaben, die am häufigsten vorkommen. Dazu gehören die Vokale a, i, o und e sowie die Konsonanten n und m. Es gibt allerdings viele Lernmethoden, die keine feste Reihenfolge vorgeben. 

Das Allerwichtigste ist: Buchstaben zu lernen, soll Spaß machen. Entwickle also keinen falschen Ehrgeiz, falls sich Dein Kind schwer damit tun sollte oder einfach noch nicht bereit dafür ist. Lesen und schreiben lernt jeder früher oder später und vor dem Schulbeginn muss Dein Kind das ABC noch nicht beherrschen!

Zur Entstehung dieses Artikels:
Alle Inhalte in diesem Artikel basieren auf vertrauenswürdigen fachspezifischen und öffentlichen Quellen. Eine ausführliche Liste aller verwendeten Quellen findest Du im Anschluss an diesen Artikel. Die hier aufgeführten Ratschläge und Informationen ersetzen keinesfalls die Betreuung durch entsprechendes Fach- bzw. Lehrpersonal.

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