Baby fremdelt

Kommt Dir das bekannt vor: Die Oma kommt zu Besuch und plötzlich fängt Dein sonst so aufgeschlossenes Baby an zu weinen und weicht Dir nicht mehr von der Seite? Vielleicht hat bei Euch nun die Zeit des Fremdelns begonnen. Diese Fremdelphase kann zu einer Herausforderung für die ganze Familie werden.

Wenn man allerdings versteht, woher dieses Verhalten kommt, kann man besser mit dem Fremdeln umgehen. Hier erfährst Du, wann diese Phase beginnen kann, wie lange sie dauern kann und warum Dein Baby plötzlich fremdelt.

Was versteht man unter Fremdeln?

Eines schon mal vorweg: Fremdeln – also die ängstliche Reaktion eines Kindes auf eine ihm fremde Person – ist ein ganz normaler und gesunder Entwicklungsschritt Deines Babys. Das Fremdeln äußert sich zum Beispiel darin, dass Dein sonst so fröhlicher und aufgeschlossener Schatz nicht mehr mit einer anderen oder gar fremden Person allein im Raum bleiben will. Vielleicht will Dein Baby von anderen auch nicht auf den Arm genommen werden – oder noch nicht einmal mehr von den heiß geliebten Großeltern.

Es könnte auch passieren, dass Dein Kind nur noch bekannte Gesichter anlächelt und sich abwendet, wenn es von jemandem angesprochen wird, der ihm oder ihr weniger vertraut ist. Es kann sogar vorkommen, dass Dein Baby in solch einer Situation anfängt, zu weinen.

Fremdelt ein Kind, sucht es meistens gleichzeitig den körperlichen Kontakt zu seiner engsten Bezugsperson und findet nur bei ihr oder ihm Trost. Dein Baby ergreift dann möglicherweise Deine Hand, versteckt sich hinter Dir oder kuschelt sich fest an Dich.

Dieses Verhalten kann ganz plötzlich auftreten und könnte zu Recht bei Dir Verunsicherung auslösen. Wenn Dein Baby fremdelt, kann es möglicherweise bedeuten, dass es Angst vor dem Unbekannten hat, Dich vermisst oder auch befürchtet, dass Du gehen könntest.

Ab wann können Babys fremdeln?

Um das Fremdeln besser zu verstehen, ist es hilfreich sich die verschiedenen Entwicklungsphasen der Bindung eines Babys zu anderen Menschen etwas genauer anzuschauen.

Die Phasen der Bindungsentwicklung

Die Entwicklung der Bindung durchläuft typischerweise vier Phasen. Direkt nach der Geburt findet normalerweise das Bonding zwischen der Mutter und ihrem Baby statt und ist der erste Schritt der lebenslangen Mutter-Vater-Kind-Beziehung. Erst nach und nach lernt der Säugling zwischen vertrauten und fremden Personen zu unterscheiden und beginnt dann oftmals zu fremdeln.

 

 Alter KindBindungsverhalten
1. Phase: 
Vorbindungsphase
ca. 1.-2. Monate
  • angeborene Verhaltensweisen (Klammern, Saugen, etc.)
  • Reaktion auf Gesichter und Stimmen
2. Phase: 
Beginnende Bindungsphase
ca. 3.- 6. Monate
  • aktiver Kontakt zur primären Bezugsperson (z. B. Arme entgegenstrecken)
  • Entwicklung des Ich-Bewusstseins
3. Phase: 
Phase der eindeutigen Bindung
ca. 6.-8. Monate
  • Baby nimmt sich als eigenständiges Wesen wahr
  • Möglicher Beginn des Fremdelns („Achtmonatsangst“)
  • Bezugsperson ist Mittelpunkt der Welt („Rockzipfelalter“)
4. Phase:                                    Phase wechselseitiger Bindungen2. - 3. Jahre und darüber hinaus
  • aufeinander bezogene wechselseitige Beziehungen zu mehreren Bindungspersonen 
  • Möglicherweise Autonomiephase („Trotzalter“)

 

Die Fremdelphase

In der 3. Phase sind Babys bereits meist in der Lage, sich an Dinge zu erinnern, auch wenn diese nicht in Sichtweite sind. Das betrifft auch die engste Bezugsperson, die zu diesem Zeitpunkt den Mittelpunkt ihrer Welt darstellt. In ihrer Gegenwart fühlt sich das Kind beschützt und fremdelt oft, wenn jemand Unbekanntes zu nahe kommt.

Egal wie neugierig Dein Baby ist, in einer vermeintlich gefährlichen Situation wird es wahrscheinlich immer sofort Deine Nähe suchen.

Säuglinge müssen erst lernen, einen Unterschied zwischen verschieden Personen zu machen. Wenn sie dann in der Lage sind, Menschen wiederzuerkennen und durch ihr Äußeres voneinander zu unterscheiden, lernen sie allmählich auch ihnen verschiedene Eigenschaften und Rollen zuzuschreiben.

Die Fremdelphase beginnt bei Babys normalerweise im Alter zwischen 6. und 8. Monaten. Extremes Fremdeln lässt sich oft bei Kleinkindern im Alter von 2 Jahren beobachten und nimmt mit Ende des dritten Lebensjahres häufig langsam wieder ab. Wann genau die Fremdelphase beginnt und wieder aufhört, ist allerdings von Kind zu Kind unterschiedlich.

Was Du tun kannst, wenn Dein Baby fremdelt

Sicherlich ist nicht jedes Kind gleich und das eine zeigt sich scheuer als das andere. Jedoch gehört das Fremdeln bei den Meisten zum Babyalter dazu. Es gibt ein paar Verhaltensweisen, die Dir und Deinem Liebling während dieser Zeit das Leben vielleicht etwas einfacher machen könnten:

  • Nimm Dein Baby ernst. Auch wenn Du selbst weißt, dass keine Gefahr von einer anderen Person ausgeht, sind die Ängste Deines Babys real, denn es weiß nicht, dass es eigentlich sicher ist. Dein Kind erwartet also von Dir Schutz und Geborgenheit.

  • Bleib ruhig. Wenn Dein Baby beginnt zu fremdeln, solltest Du ruhig und besonnen bleiben. Lass es Deine Nähe spüren und rede in einem ruhigen Ton mit ihm bzw. ihr.

  • Vertrauen muss gewonnen werden. Möchtest Du Dein Kind zum Beispiel mit einem Deiner Freunde bekannt machen, überreiche dem Erwachsenen ein vertrautes Spielzeug. Deinem Baby wird es wahrscheinlich leichter fallen, Kontakt aufzunehmen, wenn sein Gegenüber etwas Bekanntes und Liebgewonnenes in den Händen hält.

  • Nichts erzwingen. Auch Babys haben ihren eigenen Willen und das Recht auf Privatsphäre. Versuche darauf zu achten, Dein Kind nicht einfach so ohne Ankündigung einer anderen Person auf den Arm zu geben. Dies gilt auch für eigentlich vertraute Menschen wie die Großeltern. Der erste Impuls dazu sollte von Deinem Kind ausgehen.

  • Gib Deinem Baby Zeit. Kinder sind von Haus aus an Neuem interessiert. Diese Neugierde macht in der Regel auch vor Fremden nicht halt. Lass Deinem Baby allerdings genügend Zeit, sich mit einer unbekannten Person vertraut zu machen. Biete ihm erst einmal einen geschützten Raum (zum Beispiel Deinen Schoß) an und lass es das Gegenüber etwas beobachten. Vielleicht wird sich Dein Baby dann nach einer gewissen Zeit ganz allein von Dir lösen und den ersten Schritt wagen.

  • Sei flexibel. Das Bindungsverhalten Deines Kindes unterliegt einem ständigen Wandel. Deine Fürsorge und Dein Verhalten solltest Du also entsprechend den Bedürfnissen Deines kleinen Lieblings anpassen.

Mach Dir jedoch nicht zu viel Sorgen: Das Fremdeln ist normal und gehört zu einer gesunden Entwicklung dazu.

Fakten im Überblick

  • Zwischen dem 6. und 8. Monat fangen die meisten Babys an zu fremdeln. Den Höhepunkt erreicht diese Phase meistens mit 2 bis 3 Jahren.

  • Viele Kinder, die eine intakte Bindung zu ihrer Bezugsperson aufbauen konnten, fangen früher oder später an zu fremdeln. Wie intensiv das Fremdeln dann wird, ist von Kind zu Kind unterschiedlich.

  • Die Scheu vor fremden Personen nimmt in der Regel mit zunehmendem Alter ab. Meistens fremdelt ein Kleinkind gegen Ende des 3. Lebensjahres nur noch selten. Das muss aber nicht auf jedes Baby zutreffen, denn jedes Kind hat seinen eigenen kleinen Charakter.

  • Das Baby nimmt sich ab einem gewissen Entwicklungsalter als eigenständiges Wesen war und die primäre Bezugsperson (meist die Mutter oder der Vater) ist der Mittelpunkt seiner Welt. Bei ihr fühlt es sich sicher und kann dagegen von fremden Personen verunsichert sein. Das Kind fremdelt dann und sucht Schutz bei der Bezugsperson.

Miss dem Fremdeln keine allzu große Bedeutung bei, auch wenn es Dir bestimmt nicht immer leicht fallen wird, dass Dein Liebling so anhänglich ist. Bedenke dabei immer, dass es sich nur um eine Phase handelt, aus der Dein Baby auch wieder herauswachsen wird.

Zur Entstehung dieses Artikels:
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