
Chemisch - primitiv
Süß - nicht süß
Reflexe - Unabhängigkeit
Erinnerung - Assoziation
Der Geruchsinn gehört wie der Geschmackssinn zu den "chemischen" Sinnen, da er durch Nervenreaktionen auf bestimmte Moleküle in der Umgebung ausgelöst wird. Der Geschmacks- und Geruchsinn werden von Wissenschaftlern auch als "primitive" Sinne bezeichnet, da auch bei Einzellern das Registrieren von chemischen Substanzen für deren Überleben erforderlich ist. Sie können es sich auch so vorstellen: Ihr Neugeborenes hat sofort ein Näschen für Nahrung und Wohlgefühl. Ganz schön clever, für ein Kind, das nur einen Tag alt ist!
Der ausgeprägte Geruchsinn erleichtert es dem jüngsten Familienmitglied, andere zu erkennen. In der Hitliste der beliebtesten Geruchsträger kommt gleich nach der Brust der Mutter deren Hals. Das ist ganz verständlich, denn hier ruht sein Gesichtchen, wenn es in aufrechter Position gehalten wird —mit der Nase direkt an Ihrer Haut—. Auf die gleiche Weise wird Ihr Neugeborenes bald auch den Geruch des Vaters erkennen und auch den Geruch seiner größeren Geschwister, wenn diese das Kind halten dürfen. Je häufiger die Familienmitglieder das Kind halten dürfen, desto leichter wird es ihren Geruch erkennen, und desto wohler werden sich beide fühlen, wenn es sich in ihre Arme kuschelt.
Ihr Neugeborenes wird tief einatmen, um die Gerüche von Bananen, Vanille, Zucker und selbstverständlich von Milch besser aufzunehmen. Durch süße Gerüche— anderer Substanzen und des Babys selbst—entsteht bei Kindern und Eltern das beglückende Gefühl großer Nähe. Das geschieht, weil wir alle die Nähe von etwas süß Duftendem suchen.
Sie werden möglicherweise feststellen, dass sich Ihr Kind von bestimmten üblen Gerüchen wegdreht—beispielsweise von verdorbenem Fleisch oder giftigen Chemikalien. Einige Wissenschaftler nehmen an, dass dieser Reflex dieselbe Funktion hat wie die morgendliche Übelkeit während der frühen Schwangerschaft: eine Abneigung gegen potenziell gefährliche Nahrungsmittel und Substanzen auszulösen.
So primitiv dieser Sinn auch sein mag, so geschickt wird er von den Kindern genutzt. Bereits im zweiten Lebensmonat können sie bei Gerüchen verschiedene Arten und Intensitäten unterscheiden. Neugeborene reagieren auf Gerüche durch Treten, Saugen, Weinen oder Veränderungen im Atemrhythmus. Obwohl man sich darüber nicht völlig einig ist, glauben einige Forscher, dass Neugeborene Ihre Zustimmung zu bestimmten Gerüchen durch eine entspannte Mine zeigen und ihre Abneigung durch das Verziehen des Gesichts.
Während Ihr Kind zwar zwischen verschiedenen Gerüchen unterscheiden kann, zeigt es aber anscheinend eher reflexartige als gezielte Reaktionen. Sie können dies feststellen, weil die durch Gerüche verursachten Änderungen im Atemrhythmus und in den Bewegungen sowohl im wachen Zustand als auch im Schlaf auftreten. Allerdings können sich Kinder offensichtlich mit Gerüchen arrangieren: Ist das Kind für eine gewisse Zeit einem unangenehmen Geruch ausgesetzt, zeigt es darauf keine Reaktion mehr. Man spricht hier vom Gewöhnungseffekt oder der Habituation.
Mit zunehmendem Alter zeigt das Kind immer bewusstere Reaktionen auf Gerüche. Es kann mit der Zeit auf Grund seiner Erfahrungen einschätzen, ob es selbst einen Geruch als angenehm oder unangenehm einstuft. Mit zirka drei Jahren wird es diesen Ansichten teilweise Ausdruck verleihen können. Und mit sechs oder sieben Jahren werden Sie deutlich umfassender Auskunft erhalten!
Der Geruchsinn verhilft letztendlich zur Eigenständigkeit. Wie kommt das?
• Ungefähr in der 24. Schwangerschaftswoche kann ein Fötus Gerüche im Fruchtwasser aufnehmen; damit sind die Grundlagen für den Geruchsinn gelegt.
• Nach der Geburt kann das Kind auf Grund dieser Fähigkeit den Geruch der Mutter und den eigenen Geruch erkennen, und zwar durch Vergleich mit den Gerüchen, die es im Mutterleib erfahren hat.
• Obwohl Ihr Neugeborenes Ihre Nähe sucht und braucht, hilft der Geruchsinn ihm auch beim Abnabeln. Einen Teil des Wohlgefühls, das ihm zuerst nur Ihr Geruch vermittelt hat, wird es bald aus sich selbst holen können—und von den Gegenständen, die nach ihm duften.
• Die Kuscheldecke, die mit seinem Speichel bekleckert ist und seinen Geruch angenommen hat, wird zu einem vertrauten, sicheren Hort - quasi als Ersatz für Sie. Aus diesem Grund fangen Kleinkinder irgendwann an, ihre Decke hinter sich herzuziehen, anstatt sich an Ihr Bein zu klammern. Es wird jetzt eigenständig bestimmte Dinge ausprobieren, immer mit der Unterstützung durch einen Freund.
Gerüche rufen auch bei Erwachsenen Erinnerungen hervor. Was empfinden Sie beispielsweise, wenn Sie mitten im Winter Flieder riechen? Plötzlich ist für Sie wieder Frühling; Sie sind wieder acht Jahre alt und sausen auf einem neuen, silbernen Fahrrad dahin. Oder vielleicht taucht beim Duft von frisch gebackenem Brot selbst nach vielen Jahren das Gesicht Ihrer Großmutter vor Ihrem geistigen Auge auf. Gerüche rufen also Erinnerungen wach.
Ihr Kind ist gleich nach der Geburt—und vielleicht auch schon vor der Geburt—in der Lage, Assoziationen herzustellen und sich mit Hilfe seines Babygeruchsinns eine Meinung zu bilden. Dadurch kann es wichtige Personen und Dinge erkennen und diese ausfindig machen. Irgendwann wird der Geruchsinn des Babys die Erinnerung an bewegende Momente wecken. Und Sie? Sie werden sich für immer an den süßen Geruch ihres Neugeborenen erinnern.
